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Trauerrede
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Trauerrede
Stufen
von Hermann Hesse
(The eulogy is translated into English below)
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Herrmann Hesses Gedicht „Stufen“ war eines von Annabells Lieblingsgedichten.
Annabell war Germanistin und konnte dieses und viele andere Gedichte auswendig rezitieren. Sie tat es oft, zuletzt am Frühstückstisch in unserem letzten Skiurlaub. Wir saßen, wie so oft, morgens zusammen und sprachen über das, was kommen würde, und über das, was wahrscheinlich kommen mag. Die Kinder schliefen noch und wir konnten offen und ungezwungen reden, über alles, auch über den Tod.
Und draußen war es bitterkalt.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Annabell wurde als jüngstes von drei Kindern in einem kleinen Dorf in Oberfranken geboren.
Sie war ein sehr eigenwilliges Kind, ein bisschen grüblerisch, beobachtend, etwas zurückhaltend, neugierig und sehr klug.
Sie hasste Ungerechtigkeiten und konnte sich in Themen verbeißen, wie ich es noch nie bei einem Menschen erlebt habe. Sie wollte den Dingen immer auf den Grund gehen.
Das zeigte sich nicht nur in ihren Leistungen auf dem Kunstrad, wo sie mit Mautesprung, Lenkerstand, Standrohrsteiger, Kehrsteuerrohrsteiger oder anderen äußerst waghalsigen akrobatischen Figuren zu unzähligen Meisterschaften fuhr und Preise mit nach Hause brachte.
Das zeigte sich auch in ihrer musikalischen Begabung: In jungen Jahren lernte sie die Trompete zu spielen und wann immer sie später ihr Instrument auspackte, um zum Beispiel im Advent oder zu Silvester über den Dächern der Hinterbrühl zu spielen, es musste immer perfekt sein.
Irgendwann fehlte ihr die Kraft dazu. An dem Tag, an dem sie von ihrem Krebsrezidiv erfuhr, kaufte sie sich kurzerhand ein schneeweißes Klavier. Sie saß nun stundenlang da und spielte. Es war ein lang gehegter Wunsch, den sie sich damit erfüllte, und ich hätte nie gedacht, dass ich sie noch einmal so glücklich erleben würde. Zum vorletzten Silvester hat sie noch einmal die Trompete ausgepackt und auch wenn es sie die letzte Kraft gekostet hat, hat sie ihr Lied zu Ende gespielt. Sie hat es zu Ende gespielt.
Annabell besuchte nach der Volksschule das Gymnasium in Marktheidenfeld. In der Oberstufe sollte sie ein Referat schreiben über das Buch mit dem provokanten Titel:
„Hitler lieben“ von Peter Roos, einem Schriftsteller aus ihrer Heimat. Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, ob ihre Heimat wirklich so nazifrei war, wie viele dachten, glaubten oder auch nur hofften. Eine Frage, die uns heute überall mehr denn je interessieren dürfte.
Der normale Oberstufenschüler hätte nun das Buch zur Hälfte, von mir aus auch zu drei Vierteln gelesen, um einen eher lieblosen Aufsatz darüber zu schreiben. So hätte ich es jedenfalls gemacht. Aber Annabell war ganz anders: Entweder sie tat etwas nicht, oder sie tat es ganz! Sie vertiefte sich in das Thema, las alles darüber, was sie finden konnte, und nahm nach einigen Anlaufschwierigkeiten sogar persönlichen Kontakt mit dem Autor des Buches auf. So erfuhr sie alles über die sogenannte nazifreie Stadt Marktheidenfeld. Natürlich bekam sie für ihre Arbeit die Bestnote.
Als ihr Direktor sie wenig später etwas lieblos und überheblich zur Teilnahme am Tag der Menschenrechte in der Stadt Marktheidenfeld in die Schulaula drängen wollte und sie zur Bekräftigung seiner Forderung etwas zu unfreundlich am Arm packte, sollte er wenig später erfahren, dass man das mit Annabell besser nicht macht.
Lieblosigkeit und Arroganz, zwei Eigenschaften, die Annabell überhaupt nicht mochte.
Ein Leserbrief an die Lokalredaktion der „Main Post“ war der nächste Schritt und nur der Auftakt.
„Da wird am Tag der Menschenrechte die gesamte Schülerschaft des Marktheidenfelder Gymnasiums in die Aula getrieben und akribisch beobachtet, damit bloß keiner wegläuft.
Und Grandl!
dessen Bild immer noch in unserer Bibliothek hängt und für dessen Abhängung sich niemand einsetzt, ist immer noch Ehrenbürger der Stadt und damit der Schule, die sich so massiv für die Menschenrechte einsetzt.“
So schrieb sie.
Und so wurde es gedruckt.
Hermann Grandl war Hitlers Lieblingslandschaftsmaler und einer der vier führenden Maler des NS-Regimes.
Dass der äußerst ungeschickte Direktor seine Doktorarbeit ausgerechnet über die Außenpolitik Adolf Hitlers geschrieben hatte, war Annabell natürlich ebenfalls nicht entgangen. Sie hat seine Dissertation recherchiert und gelesen und natürlich auch den einen oder anderen Kommentar dazu abgegeben, wie man sich denken kann.
Wohlgemerkt, das alles tat sie kurz vor der Matura! In einer Zeit, in der jeder vernünftige Schüler die Klappe hält, nicht auffällt und sich schon gar nicht mit dem Direktor anlegt. Aber so „vernünftig“ war Annabell eben nicht und wollte es auch gar nicht sein. Das Abitur hat sie natürlich trotzdem bestanden. Mit Auszeichnung.
Diese unerschrockene Zielstrebigkeit hat sich Annabell gerade jetzt von so vielen gewünscht – jetzt, wo der Wertekompass selbst von sehr einflussreichen Menschen verstellt scheint.
Drei Dinge haben sich aus dieser kleinen Geschichte für ihr Leben entwickelt:
Erstens begann sie zu schreiben, zunächst für die „Main Post“, die ihren Leserbrief abgedruckt hatte, später für „Die Zeit“, „Der Standard“, „Die Presse“ und viele andere renommierte Zeitungen.
Zweitens hat Annabell von da an nicht mehr aufgehört, ihre Meinung zu sagen. Vor allem gerne auch ungefragt. Sie recherchierte mit großer Freude Zusammenhänge und legte sie offen. Sie hatte, wie Artur Schopenhauer, ein sehr starkes Verhältnis zur Wahrheit. Klarheit vor Harmonie war fortan ihre Devise.
Und drittens lernte sie Peter Roos’ Lebensgefährtin Friederike Hassauer kennen, die Professorin an der Universität Wien war.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen, (…)
Die Heimat wurde Annabell bald zu klein, zu starr und zu eng, und so begann sie in Wien zu studieren, weit weg von ihren Eltern.
Der Anfang in der Großstadt war schwer, aber der Zauber, der dort herrschte, war für sie unbeschreiblich und großartig, und sie suchte und probierte sich aus, wie es junge Menschen immer tun sollten, um authentisch “ich“ zu werden.
Sie tat, was sie wollte, unbeeindruckt davon, was andere darüber dachten oder sagten, unbeeindruckt von Normen und Gepflogenheiten. Und als Spencer Tunick eines seiner Fotos mit hunderten nackten Menschen in der Wiener Innenstadt schoss, war Annabell natürlich mit dabei. Die Leute in ihrem Heimatort, erzkonservativ und katholisch, wären wahrscheinlich entsetzt gewesen. Das interessierte sie nicht, sie kämpfte sich frei. Zumindest versuchte sie es Zeit ihres Lebens mit aller Kraft.
Annabell ist früh aus der katholischen Kirche ausgetreten – zu viele Ungereimtheiten, zu wenig Klarheit vor Harmonie. Aber ich habe sie nie eine Kirche betreten sehen, ohne sich mit Weihwasser zu benetzen, sich zu verbeugen und zu bekreuzigen. Sie war im Grunde ihres Herzens ein sehr gläubiger Mensch. Nur mit der Institution hatte sie, wie so viele, ein Problem. Sie ist oft und gerne in diese Kirche gegangen. Und das ist auch der Grund, warum wir hier ihr Leben feiern.
Das erste Mal am Wiener Westbahnhof: Annabell war gerade mit dem Zug angekommen, wahrscheinlich aus Würzburg, und steuerte eine der Telefonzellen an. Während sie telefonierte, baute sich vor der Telefonzelle ein großer, blader Wiener auf. In der Hand ein 16er Blech (Für die Nicht-Wiener unter uns: Das ist eine Dose Ottakringer Bier). Er stand ruhig da und als sie nach einer gefühlten Ewigkeit endlich das Telefonat beendet hatte und die Tür öffnete, um das Telefonhäuschen zu verlassen, beugte er sich zu ihr herunter. Nicht sehr aufdringlich oder beängstigend, sondern eigentlich sehr freundlich. Und er sagte: „Na, warum telefonier‘s denn so lang, sans verliabt?“
Ja, sie war verliebt – in ihre neue Stadt, in ihr neues Leben.
Wenn Annabell diese kleine Anekdote erzählte, schüttelte sie sich immer vor Lachen. Ihr ehrliches, lautes und sehr ansteckendes Lachen, das ich in letzter Zeit viel zu selten gehört habe und das mir und wohl allen, die sie gut kannten, so sehr fehlt.
Ja, sie hat sich durchgebissen, es gab kein Zurück! Und sie genoss ihre Freiheit fern der fränkischen Heimat, die den Begriff Heimat schnell verlor. Sie saugte Wien in sich auf, in einer Studentenbude mit einer Kommilitonin als Zimmergenossin; mehr war damals finanziell nicht möglich.
Und weil das alles noch nicht genug war, begann sie nach ein paar Semestern in Wien ein Parallelstudium an der Sorbonne Université in Paris. Paris war teuer, das Geld knapp, und so brachte sie, kaum erwachsen, Pariser Eliteschülern die deutsche Sprache bei. Der Sohn des ehemaligen französischen Präsidenten Sarkozy war einer ihrer Schüler. Um sich bei diesen Burschen Gehör zu verschaffen, hatte sie ein Erfolgsrezept: Sie brachte ihnen deutsche Schimpfwörter bei, die Jungs brachten ihr im Gegenzug französische Schimpfwörter bei.
Dass sie es schaffte, auch von diesen Schülern respektiert, ja sogar gemocht zu werden, erfüllte sie mit großem Stolz!
Und so konnte sie auch dieses zweite Studium mit großem Erfolg abschließen.
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Nachdem sie schon während ihres Studiums in Wien begonnen hatte, die Computer der Romanistikfakultät zu reparieren, führte sie ihr erster Job nach dem Studium nur ein paar Häuser von ihrer Alma Mater entfernt zum Zentralen Informatikdienst der Universität Wien.
Das Vorstellungsgespräch war kurz und eine reine Formsache. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, womit sie mehr überzeugen konnte: mit ihrer Expertise zum Thema E-Learning, die ihr später ein weitreichendes internationales Netzwerk bescherte, das sie als ausgewiesene Spezialistin auf diesem Gebiet kannte und schätzte. Oder die Tatsache, dass sie mit Jonglierkeulen auf einem Einrad durch die Gänge der Universität fuhr und den Leuten an der Universität das Einradfahren beibrachte.
Sie fuhr mit dem Einrad durch die Gänge der Universität Wien, der größten und ältesten deutschsprachigen Universität. Und es war ihr egal, was die Leute dachten. Sie hat sie im höchsten Maße liebevoll verstört.
Ein Foto zeigt sie mit dem damaligen Vizerektor Mettinger im Hörsaal. Er sitzt auf einem Einrad und strahlt fröhlich und stolz in die Kamera. In einem Hörsaal wohlgemerkt. Sie steht grinsend daneben und hat ihn offensichtlich dazu angestiftet.
Kurz bevor sie dreißig wird, lernen wir uns an der Universität Wien kennen. Wir verlieben uns Hals über Kopf. So kitschig das klingt, es war Liebe auf den ersten Blick, auch wenn wir von Anfang bis zum Ende nie einer Kontroverse aus dem Weg gegangen sind. Ein paar von euch, die oft mit uns zusammen waren, können ein Lied davon singen. Unbeschreiblich und raumgreifend in jeder Hinsicht. Klarheit vor Harmonie eben.
Mit ihrem Partner in einer Institution auf unterschiedlichen Hierarchieebenen zu arbeiten, das wollte sie nicht. Und so bewarb sich Annabell schließlich nach fast zehn Jahren an der Uni bei einer amerikanischen Beratungsfirma für E-Learning. Aufgrund ihrer Bekanntheit auf dem Markt wurde sie mit Kusshand eingestellt. Natürlich erzählte sie mir erst davon, als der Vertrag schon unterschrieben und die Tinte trocken war.
Und so reiste sie fortan für ihr neues Unternehmen um die Welt. Skandinavien, Deutschland, England, USA, Australien. Und da sie ja neben Deutsch und Englisch auch Französisch perfekt beherrschte, war sie auch für Frankreich und die französischsprachigen Teile des afrikanischen Kontinents zuständig. Kurzum, sie bereiste die Welt von Helsinki bis Sydney und sie liebte und genoss es.
Auch wenn es sie in die großen Städte zog, nach Wien oder Paris, nach London, Madrid, Mombasa, Orlando oder Miami. So richtig wohl fühlte sie sich wieder in einem kleinen Dorf, in der Hinterbrühl – ähnlich groß wie Esselbach, aus dem sie stammte.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Mit der Geburt unseres Sohnes Mikka änderte sich alles in ihrem Leben. Ich durfte eine Seite von Annabell kennenlernen, die ich nicht kannte und die ich in dieser Intensität auch wirklich nicht vermutet hätte. Die der bedingungslosen Mutter.
Auch und gerade nach der Geburt unserer Tochter Anthea, die sie in unserem Haus zur Welt brachte, wurden diese beiden Menschen zum unerschütterlichen Mittelpunkt ihres Lebens.
Ich glaube, nichts hat Annabell in ihrem Leben mehr bewegt als die Existenz unserer beiden Kinder. Und nichts hat sie am Ende mehr beunruhigt als die Frage, wie es ihren Kindern gehen wird, wenn sie nicht mehr da sein würde.
Mit Kenenisa, Naledi und Sabine, mit Mikka, Anthea und mir hat sie eine Patchworkfamilie gegründet, die diesen Namen wirklich verdient. Jeder Geburtstag, jedes Weihnachten und auch jeder Schicksalsschlag wurden gemeinsam begangen. Und so sitzt heute die ganze Familie hier und trauert, gemeinsam.
Es war eine Entwicklung, die nicht immer einfach war, aber es ist eine starke Gemeinschaft geworden, voller Respekt, Vertrauen und ehrlicher Zuneigung. Und auch dafür bin ich ihr und allen Beteiligten unendlich dankbar.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Ja, das ist wahrlich der schwierigste Teil – nicht nur des Gedichts ...
Annabell hat viele Menschen in ihren Bann gezogen.
Sie hat leidenschaftlich geliebt, leidenschaftlich gestritten, leidenschaftlich geholfen und unterstützt. Was sie tat, war leidenschaftlich. Wenn sie jemanden in ihr Herz geschlossen hatte, dann spürte er das.
Sie hat sich kompromisslos für Menschen eingesetzt, und viele Menschen haben sich kompromisslos für sie eingesetzt. Viele Menschen haben ihr geholfen, als sie krank war. Manche haben fast jeden Tag für sie gekocht und ihr das Essen gebracht wie die Familie Papesch. Oder sie waren da, wann immer sie gebraucht wurden, beispiellos.
An dieser Stelle möchte ich ganz besonders unsere Freundin Lisi hervorheben, die sich viele Tage und Nächte gemeinsam mit mir um Annabell gekümmert hat.
Viele andere ... taten das nicht, wandten sich lieber ab oder waren nicht mehr ansprechbar. Ich habe das nicht verstanden. Aber das ist eine andere Geschichte.
Nicht zuletzt hat sich Annabell bedingungslos für unseren ukrainischen Besuch eingesetzt, mit dem wir 6 Monate in unserem Haus unter einem Dach gelebt haben.
Und ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass sie viele Menschen, die sie kennenlernen durften, unberührt gelassen hat. Mich jedenfalls hat sie bei unserer ersten Begegnung leidenschaftlich gepackt und nie mehr losgelassen.
Dein Leben war viel Kampf, vielleicht zu viel, bis zuletzt. Du hast dich aufgeopfert, bist keiner Kontroverse aus dem Weg gegangen. Wer dich zum Freund hatte, hatte einen wahren Schatz.
Für Annabell waren die letzten Monate sehr, sehr schwer. Auch für ihre Umgebung war es nicht immer einfach. Manchmal war sie sehr wütend. Wütend über diese schreiende Ungerechtigkeit, so früh zu erkranken, wo sie doch immer so gesund gelebt hat. Wer will es ihr verübeln?
Aber meistens hat sie selbst nach der niederschmetterndsten Nachricht nach kurzer Zeit ihre gute Laune und ihre Gelassenheit wiedergefunden. Und von diesen schlechten Nachrichten gab es leider sehr, sehr viele. Ich habe mich die ganze Zeit, die ganzen 3 Jahre gefragt, woher sie diese Kraft und diese Zuversicht nimmt. Es gab keine oder kaum positive Signale, aber sie hat immer etwas Positives daraus gezogen. Ich weiß nicht, wie sie das gemacht hat, aber es hat mich tief beeindruckt und mir ganz klar gezeigt, dass es immer besser ist, sich zu engagieren, als die Dinge einfach geschehen zu lassen.
So wie sie ihr Leben anging, ging sie auch mit ihrer Krankheit um. Sie las wirklich alle – jede Fachzeitschrift, jede Studie im In- und Ausland, jeden alternativmedizinischen Ansatz. Ja, sie freute sich auf die Fachgespräche mit ihren Ärzten. Und egal wie niederschmetternd die Wahrheit war, sie wollte sie genau wissen. Klarheit vor Harmonie eben.
Ob die Ärzte sich auch auf das Fachsimpeln mit ihr gefreut haben oder ob die Ordinationstermine mit ihr nicht manchmal auch zu einer Art Prüfungssituation wurden, das weiß ich natürlich nicht. Aber manchmal kam sie vom Ordinationstermin oder vom Klinikaufenthalt nach Hause und sagte: „Stell dir vor, der kannte die neue Studie aus Japan nicht. Aber ich habe sie ihm jetzt geschickt. Und das nächste Mal können wir darüber reden.“
Auf diese Weise war sie weltweit mit vielen Wissenschaftlern in Kontakt, die auf dem Gebiet des Eierstockkrebses forschten und eine Studie zu diesem Thema durchführten. Sie bewarb sich für jede Studie, ob in Japan, in den USA, in Belgien, in Großbritannien oder in Italien. Das Wort „aufgeben“ gab es für sie nicht. Sie wollte leben und setzte sich kompromisslos für dieses Ziel ein.
Dann, nach inzwischen einer minimalinvasiven Operation, einer Totaloperation, 18 Hochdosis-Chemotherapien, 5 verschiedenen Chemotherapeutika, 3 verschiedenen Checkpoint-Inhibitoren, vieles davon off-label, unzähligen Diäten, Fiebertherapien, Wärmebettanwendungen und vielem, vielem mehr – also nach fast drei Jahren erbittertem Kampf gegen ihre Krankheit – musste sie schließlich kapitulieren.
Ihre helle Kerze ist erloschen und obwohl ich es schon lange geahnt habe, obwohl ich mich schon lange darauf vorbereiten konnte, hat es mich am Ende doch aus dem Gleichgewicht gebracht.
Wo auch immer du jetzt bist, ich wünsche dir einen klaren Blick auf das Meer, das du spät kennen und lieben gelernt hast. Ich wünsche dir viele Wege, auf denen du wunderbar laufen und wandern gehen kannst. Ich wünsche dir Berge mit herrlichem Schnee, der dich auf den Skiern hinunterträgt. Ich wünsche dir Arme, die dich umarmen und stützen. Und einen klaren Blick auf deine Kinder, auf die du so stolz bist. Zu Recht.
Kleines Männchen,
ich danke dir von ganzem Herzen
für diese besondere Zeit
mit dir.
Ich liebe dich.
Stages
by Hermann Hesse
(translated by deepl)
Just as every blossom withers and every youth
Gives way to age, every stage of life blossoms,
Every wisdom blossoms too, and every virtue
In its own time, and cannot last forever.
Hermann Hesse's poem ‘Stages’ was one of Annabell's favourite poems.
Annabell was a Germanist and could recite this and many other poems by heart. She often did so, most recently at the breakfast table during our last skiing holiday. As so often, we sat together in the morning and talked about what was to come and what was likely to come. The children were still asleep and we could talk openly and freely about everything, including death.
And outside it was bitterly cold.
With every call of life, the heart must
Be ready for farewells and new beginnings,
To give itself courageously and without mourning
To other, new bonds.
Annabell was born as the youngest of three children in a small village in Upper Franconia.
She was a very headstrong child, a bit brooding, observant, somewhat reserved, curious and very clever.
She hated injustice and could get stuck into issues like I've never seen anyone else do. She always wanted to get to the bottom of things.
This was evident not only in her achievements on the artistic bicycle, where she won countless championships and brought home prizes with her Mautesprung, Lenkerstand, Standrohrsteiger, Kehrsteuerrohrsteiger and other extremely daring acrobatic figures.
It was also evident in her musical talent: She learned to play the trumpet at a young age, and whenever she later took out her instrument to play above the rooftops of Hinterbrühl during Advent or on New Year's Eve, for example, it always had to be perfect.
At some point, she no longer had the strength to do so. On the day she learned of her cancer recurrence, she promptly bought herself a snow-white piano. She would sit there for hours and play. It was a long-cherished wish that she was fulfilling, and I never thought I would see her so happy again. On New Year's Eve last year, she took out her trumpet once more, and even though it took her last ounce of strength, she played her song to the end. She played it to the end.
After primary school, Annabell attended secondary school in Marktheidenfeld. In her final year, she was asked to write a report on a book with the provocative title:
‘Loving Hitler’ by Peter Roos, a writer from her home town. The book deals with the question of whether her home town was really as Nazi-free as many thought, believed or even hoped. A question that is more relevant to us today than ever before.
The average sixth-former would have read half the book, or even three-quarters of it, in order to write a rather half-hearted essay about it. At least, that's what I would have done. But Annabell was completely different: either she didn't do something, or she did it wholeheartedly! She immersed herself in the subject, read everything she could find about it, and after a few initial difficulties, even contacted the author of the book personally. In this way, she learned everything there was to know about the so-called Nazi-free town of Marktheidenfeld. Of course, she received top marks for her work.
When her headmaster tried to push her somewhat coldly and arrogantly into participating in Human Rights Day in the town of Marktheidenfeld in the school hall and grabbed her arm a little too unkindly to reinforce his demand, he soon learned that it's better not to do that to Annabell.
Coldness and arrogance, two qualities that Annabell did not like at all.
A letter to the editor of the local newspaper ‘Main Post’ was the next step and only the beginning.
‘On Human Rights Day, the entire student body of Marktheidenfeld Grammar School is herded into the assembly hall and meticulously watched to ensure that no one runs away.
And Grandl!
whose picture still hangs in our library and whom no one is campaigning to have taken down, is still an honorary citizen of the town and thus of the school, which is so strongly committed to human rights.’
That's what she wrote.
And that's how it was printed.
Hermann Grandl was Hitler's favourite landscape painter and one of the four leading painters of the Nazi regime.
Of course, it had not escaped Annabell's attention that the extremely inept headmaster had written his doctoral thesis on Adolf Hitler's foreign policy, of all things. She researched and read his dissertation and, of course, made a few comments about it, as you can imagine.
Mind you, she did all this shortly before her final exams! At a time when every sensible student keeps their mouth shut, doesn't stand out and certainly doesn't mess with the headmaster. But Annabell wasn't that ‘sensible’ and didn't want to be. Of course, she still passed her school-leaving exams. With distinction.
Annabell's fearless determination is something that so many people wish they had right now – at a time when even very influential people seem to have lost their moral compass.
Three things developed from this little story for her life:
First, she began to write, initially for the Main Post, which had printed her letter to the editor, and later for Die Zeit, Der Standard, Die Presse and many other renowned newspapers.
Second, from then on, Annabell never stopped speaking her mind. She particularly enjoyed doing so unsolicited. She took great pleasure in researching connections and exposing them. Like Arthur Schopenhauer, she had a very strong relationship with the truth. From then on, her motto was ‘clarity before harmony’.
And thirdly, she met Peter Roos' partner Friederike Hassauer, who was a professor at the University of Vienna.
And every beginning has an inherent magic
That protects us and helps us to live.
We should cheerfully pass through room after room,
Not clinging to any as if it were home, (...)
Annabell soon found her home too small, too rigid and too confining, so she began to study in Vienna, far away from her parents.
The beginning in the big city was difficult, but the magic that prevailed there was indescribable and magnificent for her, and she searched and tried things out, as young people should always do in order to become authentically ‘me’.
She did what she wanted, unimpressed by what others thought or said about it, unimpressed by norms and customs.
And when Spencer Tunick took one of his photos with hundreds of naked people in Vienna's city centre, Annabell was naturally there. The people in her hometown, ultra-conservative and Catholic, would probably have been horrified. She didn't care; she fought for her freedom. At least she tried with all her might throughout her life.
Annabell left the Catholic Church early on – too many inconsistencies, too little clarity before harmony. But I never saw her enter a church without sprinkling herself with holy water, bowing and crossing herself. She was a very religious person at heart. It was just the institution she had a problem with, like so many others. She often enjoyed going to this church. And that is also the reason why we are celebrating her life here.
The first time at Vienna's Westbahnhof station: Annabell had just arrived by train, probably from Würzburg, and headed for one of the telephone booths. While she was on the phone, a tall, blond Viennese man stood in front of the telephone booth. In his hand he held a 16-pack (for those of us who are not from Vienna: that's a can of Ottakringer beer). He stood there quietly, and when she finally ended her call after what felt like an eternity and opened the door to leave the phone booth, he leaned down towards her. Not in an intrusive or scary way, but actually very friendly. And he said, ‘Well, why are you on the phone for so long, are you in love?’
Yes, she was in love – with her new city, with her new life.
When Annabell told this little anecdote, she always shook with laughter. Her honest, loud and very infectious laughter, which I have heard far too rarely lately and which I, and probably everyone who knew her well, miss so much.
Yes, she persevered, there was no turning back! And she enjoyed her freedom far away from her Franconian homeland, which quickly lost its meaning as home. She absorbed Vienna, living in a student flat with a fellow student as her roommate; financially, that was all she could afford at the time.
And as if that weren't enough, after a few semesters in Vienna, she began studying at the Sorbonne University in Paris at the same time. Paris was expensive, money was tight, so, barely an adult, she taught German to elite Parisian students. The son of former French President Sarkozy was one of her students. She had a recipe for success to get these boys to listen to her: she taught them German swear words, and in return, the boys taught her French swear words.
The fact that she managed to gain the respect and even affection of these students filled her with great pride!
And so she was able to complete this second degree with great success.
The spirit of the world does not want to bind and constrain us,
it wants to lift us up, step by step, and broaden our horizons.
Having already started repairing computers in the Romance languages department during her studies in Vienna, her first job after graduation took her to the Central IT Service of the University of Vienna, just a few doors down from her alma mater.
The interview was short and a mere formality. To be honest, I don't know what impressed them more: her expertise in e-learning, which later earned her an extensive international network that knew and valued her as a proven specialist in this field, or the fact that she rode through the university corridors on a unicycle juggling clubs and taught people at the university how to ride a unicycle.
She rode her unicycle through the corridors of the University of Vienna, the largest and oldest German-speaking university. And she didn't care what people thought. She disturbed them in the most affectionate way possible.
A photo shows her with the then Vice-Chancellor Mettinger in the lecture hall. He is sitting on a unicycle, beaming happily and proudly at the camera. In a lecture hall, mind you. She stands next to him, grinning, having obviously encouraged him to do so.
Shortly before she turned thirty, we met at the University of Vienna. We fell head over heels in love. As corny as it sounds, it was love at first sight, even though we never shied away from controversy from beginning to end. A few of you who were often with us can tell you a thing or two about that. Indescribable and all-encompassing in every way. Clarity over harmony, in other words.
She didn't want to work with her partner in an institution at different hierarchical levels. And so, after almost ten years at the university, Annabell finally applied to an American e-learning consulting firm. Due to her reputation in the market, she was hired with open arms. Of course, she only told me about it once the contract had been signed and the ink was dry.
And so she travelled around the world for her new company. Scandinavia, Germany, England, the USA, Australia. And since she was fluent in French as well as German and English, she was also responsible for France and the French-speaking parts of the African continent. In short, she travelled the world from Helsinki to Sydney and she loved and enjoyed it.
Even though she was drawn to the big cities, to Vienna or Paris, to London, Madrid, Mombasa, Orlando or Miami. She felt most at home in a small village in Hinterbrühl – similar in size to Esselbach, where she came from.
No sooner are we at home in a circle of life
And comfortably settled in, than lassitude threatens;
Only those who are ready to set out and travel
Can escape the paralysing grip of habit.
With the birth of our son Mikka, everything in her life changed. I got to know a side of Annabell that I didn't know and that I really wouldn't have expected to be so intense. That of the unconditional mother.
Especially after the birth of our daughter Anthea, whom she gave birth to in our home, these two people became the unshakeable centre of her life.
I believe that nothing moved Annabell more in her life than the existence of our two children. And in the end, nothing worried her more than the question of how her children would fare when she was no longer there.
With Kenenisa, Naledi and Sabine, with Mikka, Anthea and me, she created a patchwork family that truly deserves this name. Every birthday, every Christmas and every stroke of fate was celebrated together. And so today, the whole family is sitting here and mourning together.
It was a development that was not always easy, but it has become a strong community, full of respect, trust and honest affection. And for that, too, I am infinitely grateful to her and to everyone involved.
Perhaps even the hour of death
Will send us young into new spaces,
Life's call to us will never end,
So come, heart, take your leave and heal!
Yes, that is truly the most difficult part – not only of the poem ...
Annabell captivated many people.
She loved passionately, argued passionately, helped and supported passionately. Everything she did was passionate. When she took someone into her heart, they could feel it.
She stood up for people uncompromisingly, and many people stood up for her uncompromisingly.
Many people helped her when she was ill. Some cooked for her almost every day and brought her food, like the Papesch family. Or they were there whenever she needed them, without fail.
At this point, I would like to give special mention to our friend Lisi, who spent many days and nights caring for Annabell together with me.
Many others ... did not do this, preferring to turn away or become unresponsive. I did not understand this. But that is another story.
Last but not least, Annabell was unconditionally committed to our Ukrainian visitor, with whom we lived under one roof in our house for six months.
And I honestly don't think she left many people she got to know untouched. In any case, she captivated me passionately when we first met and never let go.
Your life was a struggle, perhaps too much of a struggle, until the very end. You sacrificed yourself and never shied away from controversy. Those who had you as a friend had a true treasure.
The last few months were very, very difficult for Annabell. It wasn't always easy for those around her either. Sometimes she was very angry. Angry about the glaring injustice of falling ill so early in life, when she had always lived so healthily. Who can blame her?
But even after the most devastating news, she usually regained her good humour and composure after a short time. And unfortunately, there was a great deal of bad news. Throughout the entire three years, I kept wondering where she got her strength and confidence from. There were few or no positive signs, but she always managed to find something positive in the situation. I don't know how she did it, but it impressed me deeply and showed me very clearly that it is always better to get involved than to just let things happen.
She dealt with her illness in the same way she approached her life. She read everything – every journal, every study at home and abroad, every alternative medical approach. Yes, she looked forward to the technical discussions with her doctors. And no matter how devastating the truth was, she wanted to know it exactly. Clarity before harmony, in other words.
Whether the doctors also looked forward to talking shop with her or whether the appointments with her sometimes turned into a kind of exam situation, I don't know, of course. But sometimes she would come home from her appointment or stay at the clinic and say, ‘Imagine, he didn't know about the new study from Japan. But I've sent it to him now. And next time we can talk about it.’
In this way, she was in contact with many scientists around the world who were researching ovarian cancer and conducting studies on the subject. She applied for every study, whether in Japan, the USA, Belgium, the UK or Italy. The word ‘give up’ did not exist for her. She wanted to live and was uncompromising in her commitment to this goal.
Then, after undergoing minimally invasive surgery, total surgery, 18 high-dose chemotherapy treatments, 5 different chemotherapeutic agents, 3 different checkpoint inhibitors, much of it off-label, countless diets, fever therapies, heat bed treatments and much, much more – in other words, after almost three years of bitter struggle against her illness – she finally had to give up.
Her bright candle has gone out, and although I had long suspected it would happen, although I had long been able to prepare myself for it, in the end it still threw me off balance.
Wherever you are now, I wish you a clear view of the sea, which you came to know and love late in life. I wish you many paths on which you can walk and hike wonderfully. I wish you mountains with glorious snow that will carry you down on your skis. I wish you arms that will embrace and support you. And a clear view of your children, of whom you are so proud. And rightly so.
Kleines Männchen,
I thank you with all my heart
for this special time
with you.
I love you.
Kondolenzbuch
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